Mit Vielfalt zum Erfolg: Wie ein Produktionsmodell Kaffeebäuerinnen in Santander stärkt

17.10.2025
Diversifizierung als Schlüssel zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen in den ländlichen Regionen Kolumbiens. 

In Alcalabano, einem Ortsteil der Gemeinde Guapotá in Santander, liegt auf Bertha Sandovals Farm nicht nur der Duft von frisch gemahlenem Kaffee in der Luft. Man hört das Gackern der Hühner, das Grunzen wohlgenährter Schweine und das Rascheln trockener Blätter in den Kakaoplantagen. Zwischen grünen Bergen und langen Arbeitstagen hat Bertha ein Lebensmodell aufgebaut, das auf produktiver Diversifizierung beruht – eine Strategie, die es ihr ermöglicht hat, ihren Haushalt zu führen, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen und mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

Die 48-jährige Bertha gehört zu den 25 Frauen, die am Projekt „Caficultoras construyendo prosperidad“ („Stärkung von Kaffeeproduzentinnen für Wohlstand“) teilnehmen – einer Initiative von Swisscontact und ECOM. Finanziert wird das Projekt durch Mittel eines renommierten US-amerikanischen Kaffeeunternehmens sowie durch das Programm „Colombia más Competitiva“ des Staatssekretariat für Wirtschaft SECO durch die Schweizer Botschaft in Kolumbien. Zusätzlich stellt ECOM eigene Ressourcen für technische Unterstützung, Betriebsmittel und Projektmanagement bereit und verstärkt damit die Wirkung der Initiative in der Region. 

Ziel des Projekts ist es, das emotionale Wohlbefinden sowie die persönliche und wirtschaftliche Selbstbestimmung der Teilnehmerinnen zu stärken. Dazu erhalten die Frauen administrative und finanzielle Werkzeuge, mit denen sie ihre Einkommensquellen erweitern können. Im Fall von Bertha zeigt sich die Wirkung jedoch weit über den Kaffeeanbau hinaus.

“Ich verkaufe nicht nur Kaffee, sondern auch Schweine, Hühner, Eier – und sogar Jungbullen. All das hilft mir, mein Einkommen zu verbessern. Ich habe gelernt, dass man sich nie auf nur eine einzige Einnahmequelle verlassen sollte.„
Bertha Sandoval. 

Von der Kaffeebäuerin zur diversifizierten Unternehmerin im ländlichen Raum

Berthas Geschichte steht stellvertretend für viele Frauen in Kolumbien: getrennt, verwitwet oder mit abwesenden Ehemännern – plötzlich und oft ohne Vorbereitung mussten sie die Verantwortung für ihre Farmen übernehmen.

Vor diesem Hintergrund erkannte das Projekt die Notwendigkeit, nicht nur emotionale Unterstützung zu bieten, sondern auch praktische Werkzeuge zur Verfügung zu stellen – etwa zur Steigerung der Produktivität, zur besseren Verwaltung und zur Erschließung zusätzlicher Einkommensquellen.

Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für die Diversifizierungskomponente des Projekts. Wie Angélica Luna, Spezialistin für Unternehmensdienstleistungen bei Swisscontact, erklärt, zeigte die erste Analyse, dass die teilnehmenden Frauen ein durchschnittliches Monatseinkommen von nur 1.038.000 COP (ca. 267 USD) erzielten – deutlich unter dem existenzsichernden Einkommen für Kaffeebäuerinnen im Jahr 2024, das laut Uncar Research und Fairtrade bei etwa 2.295.000 COP (ca. 590 USD) liegen sollte. Diese Einkommenslücke von über 1.200.000 COP (ca. 309 USD) war der Auslöser für die Entwicklung zusätzlicher Produktionseinheiten neben dem Kaffeeanbau – individuell abgestimmt auf die Interessen, Kenntnisse und Fähigkeiten jeder einzelnen Frau.

Jede der 25 Kaffeebäuerinnen entwickelte mit technischer Unterstützung einen individuellen Investitionsplan, um mindestens eine neue Produktionslinie auf ihrem Hof zu etablieren.
Bertha entschied sich für die Schweinezucht. Mit dem Startkapital von 3.000.000 COP (ca. 772 USD), das ihr im August im Rahmen des Projekts zur Verfügung gestellt und von Swisscontact und seinen Partnern verwaltet wurde, kann sie Futter, Vitamine und medizinische Versorgung für sechs Schweine finanzieren – die Tiere selbst bringt sie ein. In vier Monaten erwartet Bertha einen Nettogewinn zwischen 600.000 COP (ca. 154 USD) und 700.000 COP (ca. 180 USD), den sie erneut investieren will, um ihr Geschäft weiter auszubauen. 

Diversifizierung als Strategie gegen Unsicherheit und Abhängigkeit

Neben finanzieller Unterstützung bietet das Projekt auch technische und schulische Begleitung. Angélica Luna besucht die Farmen alle zwei Monate, führt ein Handbuch zur Unternehmensführung der neuen Produktionseinheiten ein und begleitet die Frauen bei zentralen Prozessen wie Bestandskontrolle, Rentabilitätsberechnung und Prognosen. Zusätzlich wurden Partnerschaften mit der Fundación Capital und der Fundación Bancolombia geschlossen, um die Finanzbildung zu stärken – etwa durch Kurse zu den Themen Sparen, Ausgabenmanagement und Erfassung der wöchentlichen Einnahmen.

„Mein Ziel ist es, mindestens zehn gut gepflegte Schweine zu halten und sie zu einem guten Preis zu verkaufen. Alles legal, alles sauber – so kann man wachsen“, sagt Bertha stolz.

In den vergangenen Monaten haben die Kaffeebäuerinnen ihre Kompetenzen in den Bereichen Management und wirtschaftliche Nachhaltigkeit weiter ausgebaut. Im Rahmen des Finanzbildungskurses „Cuentas sin Cuento“, der in Zusammenarbeit mit der Fundación Libertad, der Fundación Bancolombia und der Universität EAFIT durchgeführt wurde, lernten sie, ihre Einnahmen und Ausgaben zu erfassen, Investitionen zu planen und die Rentabilität ihrer Produktionseinheiten zu prognostizieren.

Parallel dazu entschieden sich andere Teilnehmerinnen für unterschiedliche Produktionsbereiche – darunter Legehennenhaltung, Masthühner, Fischzucht, Baumschulen, Seifenherstellung, handwerkliche Joghurtproduktion und sogar kleine Dorfläden. Jede dieser neuen Aktivitäten wurde auf Basis eines Beitrags der jeweiligen Frau aufgebaut – sei es durch Infrastruktur, Betriebsmittel oder Arbeitskraft – und stets mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und Selbstständigkeit.

Die Hühnerfarmen erhalten beispielsweise 50 Legehennen im Alter von 16 Wochen, dazu Futtertröge, Hygiene-Sets, Futter und eine Umzäunung für den Stall. Der Produktionszyklus beträgt 15 Monate, mit geschätzten monatlichen Einnahmen zwischen 160.000 und 170.000 COP (ca. 43 USD), die sich durch die Herstellung von eigenem Futter noch steigern lassen. 

„Ein diversifizierter landwirtschaftlicher Betrieb sorgt nicht nur für stabilere Einnahmen, sondern befähigt Frauen auch, selbstständig Entscheidungen zu treffen“, erklärt Amalia Muñoz, Direktorin für Nachhaltigkeit bei ECOM Colombia.

Vielfältige Auswirkungen

„Wirtschaftliche Emanzipation kann nicht voranschreiten, wenn nicht zuerst emotionales Wohlbefinden herrscht. Aber wenn Frauen gesund werden, treffen sie Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Farmen verändern“, sagt Sandra, Psychologin des Projekts. Sie begleitet die emotionalen Heilungsprozesse, die Voraussetzung für den Zugang zum Startkapital sind. Die Teilnahme an Workshops, Gruppentreffen und die Erfüllung technischer Aufgaben gehören zu den Verpflichtungen, die die Begünstigten im Rahmen des Projekts eingehen.

Heute leitet Bertha nicht nur ihren eigenen Hof – sie inspiriert auch andere Frauen in ihrer Gemeinde. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass Diversifizierung keine zusätzliche Belastung, sondern eine strategische Chance ist. Mit jedem verkauften Ei, mit jedem aufgezogenen Ferkel bekräftigt sie ihr Recht auf ein würdiges Leben und auf eine gerechtere ländliche Wirtschaft.

„Ich habe gelernt, dass man nicht alles alleine tragen muss. Dass es in Ordnung ist, um Hilfe zu bitten, zu reden, zu heilen … aber auch, dass man mit Organisation und viel Willenskraft vorankommen kann“, sagt sie.

Das Projekt „Caficultoras construyendo prosperidad“ setzt seine Arbeit in den Regionen Santander und Boyacá fort. Es fördert landwirtschaftliche Modelle, in denen Frauen eine zentrale Rolle spielen – und in denen Diversifizierung gleichbedeutend mit Resilienz ist.

Die Geschichte von Bertha Sandoval lädt dazu ein, die ländliche Entwicklung neu zu denken. In einem Land, in dem der Kaffeeanbau mit strukturellen Herausforderungen konfrontiert ist, ist die Förderung von Einkommensdiversifizierung, die Einbeziehung von Frauen und eine ganzheitliche Begleitung nicht nur eine gute Praxis – sondern eine Notwendigkeit.

Denn wie Bertha es zusammenfasst, während sie ihre Monatsabrechnung macht:

“Kaffee ist natürlich wichtig. Aber er allein reicht mir nicht. Die Farm bringt mehr, wenn man sie mit anderen Augen betrachtet – nämlich als Unternehmen!„
Bertha Sandoval.
2024 - 2026
Kolumbien
Nachhaltige Landwirtschaft
Stärkung von Kaffeeproduzentinnen für Wohlstand, Kolumbien
Ziel dieses Projekts ist es, eine Gruppe von Kaffeebäuerinnen in Santander, Kolumbien, individuell zu begleiten, um ihre Führungsrolle bei der technischen und wirtschaftlichen Verwaltung ihres Kaffeeunternehmens zu stärken. 
2017 - 2027
Kolumbien
Unternehmensförderung, Nachhaltiger Tourismus
Colombia + Competitiva - Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des privaten Sektors
Das Programm zielt darauf ab, Kolumbien in seinen systematischen Anstrengungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit seines privaten Sektors zu unterstützen, die Bestandteil des nationalen Systems für Wettbewerbsfähigkeit, Wissenschaft, Technologie und Innovation und seiner «Politik für produktive Entwicklung» sind. Das Projekt «Colombia...